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Flux. Da fliegt das Leben
‘Romantische’ Installation von Rosy Albrecht & Susanne Parth
12. Mai - 6. Juni 2006

Wie ein Flügelschlag

Esslinger Zeitung, 11.05.2006

ESSLINGEN: "Flux. Da fliegt das Leben" - Installation der Konzept-Künstlerinnen Albrecht und Parth im "off raum"

Von Gaby Weiß

Ein Stillleben mit Obst nach Caravaccios Vorbild, Landschaftsidyllen als Wandschmuck, Stoffblumen-Rabatten in warmem Licht und ein Brautkleid, eben erst in den Schrank gehängt. Das Ambiente, das die beiden Konzept-Künstlerinnen Rosy Albrecht und Susanne Parth geschaffen haben, bedient auf den ersten Blick viele romantische Klischees. "Flux. Da fliegt das Leben" haben sie ihre Ausstellung im "off raum", die morgen Abend eröffnet wird, überschrieben. Mit einer großen Raum-im-Kunstraum-Installation aus Texten, Bildern und Gegenständen haben sich die beiden dem "Romantik"-Schwerpunkt des Literatursommers auf ganz eigene Art genähert.

Denn der schöne Schein all der vermeintlich so romantischen Accessoires trügt: Auf dem Bettlaken liegt ein Bild von einem Mann, ein fremder Mönch wurde in Caspar David Friedrichs Strandgemälde hinein appliziert, aus der Schublade heraus dämonisiert ein Kerl. rezitiert. An der Wand entzaubert Heinrich Heine das Reich der Gefühle als Scheinwelt, wenn er seine Version des Sonnenuntergangs preisgibt: "Hier vorne geht sie unter, und kehrt von hinten zurück."

Weltflucht im geschlossenen Raum

Die beiden Künstlerinnen verstehen die Idee der Romantik als sehr subjektive Perspektive.
"Man versucht, sich eine Welt zurecht zu legen, die mehr Schein ist als Sein. Wir unterstellen der Romantik, dass sie mit ihrer Weltflucht nur in einem geschlossenen Raum stattfinden kann", fasst Susanne Parth zusammen. Für "Flux" haben sie nach einem Interieur aus dem frühen 19. Jahrhundert das Schlafzimmer einer Dame nachgebaut und lassen den Besucher wie in ein Bild hineingehen. "Im Grunde ist der Mensch in der Romantik weltabgewandt und handlungsunfähig," führt die Tübinger Kunsthistorikerin Susanne Parth aus.

Kritisch geforscht

Auch auf den Spuren der Romantik im Hier und Jetzt haben die beiden kritisch geforscht, legt Rosy Albrecht dar: "Wo findet eigentlich für uns Romantik statt? Beim Candlelight-Dinner, beim Waldspaziergang, bei einer Hochzeit in Weiß, am offenen Feuer, in Sehnsucht, Liebe und Glück." Jeder kennt, so die Esslinger Künstlerin, den Augenblick, zu dem man sagen möchte: "Verweile doch, du bist so schön. Jeder will das Glück festhalten. Aber es ist eine Sisyphusarbeit: Immer wieder will man an diesen Moment ran und erreicht ihn doch so selten." So kamen die beiden Künstlerinnen, schräg vorbei an Fluxus und Dada, auf den Titel ihrer Schau "Flux. Da fliegt das Leben." Hunderte von hauchzarten papierenen Schmetterlingen versinnbildlichen und versinnlichen diese Flüchtigkeit. "Dieser Flügelschlag von so vielen ist wie ein Pulsschlag. Und er hat Macht", betont Susanne Parth.

Geöffnet ist die Schau bis 3. Juni immer freitags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr.

Gaby Weiß, Esslinger Zeitung, 11.05.2006
Flux. Da fliegt das Leben.
‚Romantische’ Installation von Rosy Albrecht & Susanne Parth

Text zur Eröffnung am 12. Mai 2006
Rosy Albrecht und Susanne Parth zeigen mit ihrer Arbeit eine eigenwillige Installation zum Thema Romantik.




In ihrem 4x 4 m großen Raum schufen die beiden Künstlerinnen ein Environment, ein Umfeld, dessen gesetzte Objekte und Materialien eine räumliche Situation schaffen, die zunächst an einen etwas museal wirkenden Innenraum erinnern.
Fast scheint es, als würde man das Bild eines Jan Vermeer betreten, dessen artifizielle wenn nicht gar kitschige Arrangements erst auf den zweiten Blick zu Irritationen führen.



Denn gerade dieses Aufgreifens der Trompe-l’oeil Technik verweist auf eine Auseinandersetzung von Wirklichkeit, Natur und Kunst, die durch die Übertriebenheit der gesetzten Objekte und durch die gesprochenen Texte zugespitzt wird und unvermittelt auf das Thema der Arbeit – Romantik – verweisen. So stammen die Texte, gesprochen von Gerhard Polacek, von Theodor Körner und Ernst Jandl.



Ein übergroßes Bild von Caspar David Friedrich mit einem falschen Mönch hängt hinter dem Bett, und mit Texten voll geschmierten Wände von verschiedenen Autoren - all das verweist immer wieder auf den Zwiespalt von Sein und Schein. Die Kunst als Fluchtraum und als Nachahmer des Lebens auf der einen Seite, der Kampf, das anscheinend reale Leben, für anscheinend konkrete Ideale auf der anderen. Während das eine Leben nur imitiert und immer nur Illusion bleiben kann, bleibt das andere stets Projektion von Hoffnungen und Ängsten. Die letzte Konsequenz für die Protagonisten, unabhängig von ihrer Entscheidung, bleibt für alle die selbe.



Romantik wird einerseits thematisiert als Epoche des frühen 19. Jahrhunderts. Formen der Romantik sind aber ein bis heute stets wiederkehrendes Phänomen. Aus der heutigen Sicht lässt es sich nicht auf einen Zeitraum reduzieren, ganz im Gegenteil. Die Künstlerinnen fragen sich, welche Ursachen die häufen Revivals der Romantik haben. Auch der alltagsgebrauch von Romantik und dem Romantischen verweist auf eine Bedeutung des Begriffs, der auch noch heute mit Sehnsüchten, Hoffnungen, Träumen und Ängsten verbunden ist.

Die Installation der beiden Künstlerinnen ist nur anscheinend auf den 4 x 4 m großen Raum reduziert. Nach verlassen des Raumes nimmt man vielleicht die Bluescreenfarbe des Kastens wahr, sieht vielleicht das nicht gemalte Bild in der Wand. Die Nähe von Romantik, Tod, Krieg und Verherrlichung der Leidenschaften ist eine Dauerthema auch in den zeitgenössischen Medien. Die beiden Screens aus dem Film True Lies überzeichnen dies ironisch. Und so sehen wir uns von der Vergangenheit heraus wieder mit uns selbst konfrontiert.







BIOGRAPHIEN

Rosy Albrecht
Eschenweg 4
73728 Esslingen
rosy.Albrecht@gmx.de
www.off-raum.de

· geboren 1954 in Stuttgart
· Studium an der Freien Kunstakademie Nürtingen
· Freischaffende Künstlerin
· Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland
· Seit 2000 gemeinsame Projekte mit Susanne Parth


Susanne Parth
Brunnenstr. 2
72127 Jettenburg
susanne.parth@kultura-extra.de
www.odff-raum.de


· geboren 1967 in Osnabrück
· Studium an der Freien Kunsthochschule Stuttgart
· Studium Pädagogik an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Abschluss Dipl.Päd.
· Studium Kunstgeschichte und Germanistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Abschluss MA
· Seit 2002 Promotionsarbeit in Kunstgeschichte
· Seit 2000 gemeinsame Projekte mit Rosy Albrecht

2005 gemeinsame Gründung des off-raumes Esslingen am Neckar




Programm:
Eröffnung am 12. Mai, 19.30 Uhr
Adrian Oswalt
“Als das Singen noch geholfen hat”
Texte und Lieder zum Essen, Trinken, Lieben und Verdauen


Finissage am 3. Juni, 19.30
“Romanitk hören”
Musikalisches und Literarisches aus der Romantik
Stimme: Gerhard Polacek, Klavier und Gesang: Reiner Hilby


Info:
Romantik als Protestbewegung gegen den rationalistischen Geist der Aufklärung beruft sich auf die nicht-verstandesmäßigen, irrationalen, gefühlsmäßigen Mächte im Menschen und der Welt. Gegen das Streben nach Unterordnung alles einzelnen unter allgemeine Gesetze beruft sich die Romantik auf das eigene Recht und den Eigenwert des Individuellen. Die Kehrseite eines Abtauchens in allzu Sentimentales und Irrationales ist die Entstehung von Totalitarismen und nicht hinterfragten Werten, die sich an Begriffen wie ‚Deutsche Eiche’ oder Volksgeist ablesen lassen.
Aus der heutigen Sicht kann Romantik nur als Suchbewegung thematisiert werden. In der Aktion des Suchens, die die Grenze zwischen Kunst und Publikum aufhebt, bleibt der positive Aspekt des Subjektivismus, des Individuellen erhalten. Die Romantik ist eine Konstruktion, eine Narration jedes Einzelnen. In der Installation, die auch die überkommenen bürgerlichen Wertvorstellungen in Kunst und Gesellschaft hinterfragt, treten die Betrachter in einen Dialog mit sich selbst und ihren eigenen Vorstellungen, angeregt durch Texte, Bilder und Gegenstände. Die Künstlerinnen fragen mit ihrem Environment nach den Ursachen des jeweils eigenen ‚Romantischen’ und versuchen, aktive Veränderungs- und Wandlungsprozesse als Prinzipien der Realität sichtbar zu machen.
Allerdings ist Vorsicht geboten. Wer sich auf die Romantik einlässt, muss mit unerwünschten Nebenwirkungen rechnen. Es besteht das Risiko, dass man dazu übergeht, nicht nur die Kunst, sondern auch die Wirklichkeit mit anderen Augen zu betrachten.


off-raum – Rosy Albrecht & Susanne Parth, Damaschkestr. 24, 73730 Esslingen a.N.
Rosy Albrecht 0162 86 65 908, rosy.albrecht@gmx.de Susanne Parth 0160 150 38 26, susanne.parth@kultura-extra.de
www.kuenstlerhaus-esslingen.de


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